Mac Pro – die Entzauberung der großen Kisten

Mac Pro – kein Rechner für die »professionelle Mitte«

Seit dem 10.12.2019 sind die finalen Preise für Apples neuen Mac Pro in Deutschland bekannt. 6.499 Euro kostet die Standardkonfiguration der aktuellen Pro-Maschine. Mit einigen Erweiterungen landet man erstaunlich schnell zwischen 8.000 und 10.000 Euro. Dafür hat man sicherlich eine schnelle Maschine und eine vom Design her (fast) einzigartige Workstation. Preis und Ausrichtung sorgen dafür, dass sich der Mac Pro an eine sehr spezielle Käuferschicht – mit ganz eigenen Anforderungen – richtet.

Aber wer nutzt die Maschine eigentlich wirklich? Lohnt sie sich auch im Grafik- oder Fotobereich, in der »profesionellen Mitte«? Spoiler: Nein. Und rechnet sich der hohe Einstiegspreis, obwohl die Hardware in zwei bis drei Jahren schon wieder veraltet sein wird? Oder ist der Mac Pro doch nur eine »Prestige-Maschine«, die Apple an zahlungskräftige Influencer verkauft?

Wie schon beim iMac Pro richtet Apple die Präsentationen des Mac Pro hauptsächlich auf Kundschaft im Video- und Soundbereich aus. Wer in diesen Bereichen gerade eine Workstation sucht und entsprechend investieren kann, mag vielleicht über verkürzte Arbeitszeiten den hohen Einstiegspreis legitimieren können. Wer zudem auf macOS angewiesen ist, bekommt ähnliche Leistung nur mit einem hochkonfigurierten iMac Pro. Damit hat Apple die Zielgruppe klar auf Video und ähnlich leistungshungrige Gebiete eingegrenzt.

Mit Sicherheit gibt es dann noch eine Reihe von Fotografen und Designer, für die es in Ordnung geht – über die nächsten fünf bis acht Jahre gerechnet – zwischen 6.499 und 10.000 Euro in eine neue Maschine anzulegen. Der Rest der Käuferschicht läuft unter Special Interest.

Mac Pro Hardwarebauteile

Special Interest?

So kann sich beispielsweise Adobe gut vorstellen den Mac Pro in der Rackversion (Startpreis 7.199 Euro) einzusetzen, um Software-Builds zu kompilieren und zu testen. Das macht Sinn, denn unter macOS gibt es ja auch keine schnelleren Alternativen. Hier würde auch keine PC-Hardware – mal abgesehen von Hackintoshs – weiterhelfen, wie das zum Beispiel im Videobereich möglich wäre. Und laut AppleInsider freut sich auch das »Department of Defense« über die Möglichkeiten der Echtzeit-Bildverarbeitung, sowie zeitkritische Audioklassifizierung und -identifizierung.

»Gebe einmal viel Geld aus, um danach viele Jahre nichts mehr ausgeben zu müssen«

Und dann ist da noch eine Käuferschicht mit der Legitimation durch die Langlebigkeit des Mac Pro: Gebe einmal viel Geld aus, um danach viele Jahre nichts mehr ausgeben zu müssen. Also das Argument, erst nach circa sechs bis acht Jahren einen neuen Rechner holen zu »müssen«. Statt spätestens alle drei bis vier Jahre einen frischen Mac auf den Schreibtisch zu stellen. Und dabei könnte letzteres für diese Käuferschicht der eigentlich bessere Weg sein. Auch weil immer mal wieder das ARM-Gerücht die Runde macht. Denn der neue Mac Pro ist eher ein Rechner für diejenigen, die die nächsten zwei bis drei Jahre schnellstmögliche Rechenleistung in Kombination mit macOS benötigen. Denn auch der Langlebigkeit der Mac Pro-Hardware sind Grenzen gesetzt.

Preise, Hardware, »professionelle Mitte«

Wie auch beim iMac Pro – und beim 2013er Mac Pro – wird die Zeit viel zu schnell an der Aktualität der Hardware nagen. Und das, obwohl der Mac Pro nun wieder erweiterbarer und modularer denn je ist. Zu viel »State of the Art« ist meist nur für gut gefüllte Firmenkassen wirklich tragbar. Genau da liegt aber Apples momentanes Premium-Konzept. Denn für eine »professionelle Mitte« ist der 2019er Mac Pro nicht mehr konzipiert. Eher wird man den Mac Pro als Prestigeobjekt bei vielen YouTubern sehen. Und dort wird die Leistung auch gebraucht.

Nebenbei: 2006 startete der erste Mac Pro mit einem Einstiegspreis von etwas über 2500 Euro. 2010 lag er mit 2399 Euro sogar etwas darunter. Für den komplett überarbeiteten schwarzen Mac Pro von 2013 musste man dann bereits mindestens 2999 Euro ausgeben. 2019 hat Apple also locker noch mal verdoppelt.

Anderes Beispiel für den »Hardwareverfall«: Der iMac Pro (»Der Benchmark-Mac«). Bei Release mit einem Kaufpreis von 5499 Euro noch State of the Art, nach etwas mehr als einem Jahr sind die Benchmarks der aktualisierten »Consumer iMacs« von Anfang 2019 schon an ihm dran. Oder sogar schneller. Beim Single-Core-Test sowieso, beim Multi-Core-Test kommt es auf die Konfiguration an. Beispielsweise hat der 2019er 27“ iMac mit acht Kernen, für um die 3000 Euro, den iMac Pro bereits überholt. Verglichen mit der 8-Core-Version des iMac Pro, welches die Standardkonfiguration für die bereits erwähnten 5499 Euro ist.

»Und vorbei ist es mit dem Pro-Status, an dem nach einem weiteren Jahr fast nur noch die schwarze Tastatur erinnern wird«

Wer mit dem iMac Pro zum jetzigen Zeitpunkt noch schneller unterwegs sein möchte, hätte also bereits beim Kauf auf mindestens zehn Kerne upgraden müssen. Und das hätte damals™ schon stolze 960 Euro Aufpreis gekostet. Und vorbei ist es mit dem Pro-Status, an dem nach einem weiteren Jahr fast nur noch die schwarze Tastatur erinnern wird. Derartige Rechnerkonzepte können einfach nicht lange mit der Entwicklung mithalten. Und dem neuen Mac Pro wird es da ähnlich gehen.

Je nach Ausstattung wird der Mac Pro natürlich länger durchhalten, ist aber auch bei 6.499 Euro Anschaffungspreis gerade mal an der Untergrenze seiner preislichen Erweiterbarkeit. Und eine AMD Radeon Pro 580X und eine schnelle 256GB SSD sind nichts, was uns in vier bis fünf Jahren noch in irgendeiner Form vom Hocker reißen wird.

Den Mac Pro auf sieben oder acht Jahre anzuschaffen macht eigentlich nur Sinn, wenn man die voraussichtlichen Updates gleich mit einberechnet. Und die Rechnung dann für einen selbst immer noch aufgeht. Denn schon nach einigen Jahren dürfte ein aktualisierter iMac genug frische Technik an Bord haben, um den »alten« Mac Pro in seiner Standardkonfiguration zu schlagen. Diese Entwicklung mag bei Technik schon fast normal sein, relativiert aber den Gedanken, dass die Leistung sieben bis acht Jahre durchhält und damit den hohen Preis rechtfertigt. In der Regel läuft das irgendwie so:

»Schau mal, die Kiste kostet 6000 Euro. Da ziehst du 19% MWSt von ab, das sind 1140 Euro. Musst du also nur noch 4860 Euro bezahlen! Auf 72 Monate gerechnet sind das nur 67,50 Euro im Monat! Wenn du also jeden Tag im Monat einen überteuerten Kaffe kaufst, ist dein Koffein teurer als ein Mac Pro … und das sollte es dir, für das Gerät mit dem du dein Geld verdienst, doch wert sein, oder?« 😉

Erweiterbarkeit des Mac Pro

Beim Thema Erweiterung ist noch ungewiss, was Apple in Zukunft für den Mac Pro anbieten wird. Wird Apple den neuen Mac Pro mit aktuellen Hardwareupdates pflegen, oder nur gerade so am Leben halten wie die Vorgänger? Dazu kommen die appleüblichen Preise für die Hardware-Updates, die man aus dem aktuellen Konfigurator ableiten kann. So könnte ein größeres Update des Mac Pro – in einigen Jahren – schon mal den Preis eines neuen iMacs haben. Apple hätte außerdem das Problem für relativ wenig Käufer stets neue Hardware bereitzustellen zu müssen. Vom Arbeitsspeicher bishin zur Grafikkarte.

Was Apple mit dem Mac Pro anbietet ist also selbst für die meisten Pro-User ein reines Stück Luxus und doch sehr auf Special Interest ausgelegt. Hier mag die »große Kiste« vielleicht auch ihre Legitimation haben, keine Frage. Für das normale Pro-Segment hat Apple aber weiterhin nichts modulares anzubieten. Obwohl der Markt hier sicherlich größer wäre. So reduziert Apple den Mac Pro auf ein nettes Prestige-Objekt, das sich gut im Instagram-Feed vieler Influencer machen wird.

Deswegen ist es eine verpasste Chance, dass es den Mac Pro nur mit dem vermeintlich »besten vom besten« in entsprechenden Preisregionen gibt. Parallel einen modularer Mac Pro mit »Consumer-Hardware« auf Höhe eines iMacs zur Konfiguration anzubieten, passt scheinbar nicht ins Premium-Konzept.

Mac Pro 2008 Originalverpackung
Mac Pro-Lieferung (2008)

Es wird persönlich

Mich begleitet der Mac Pro seit 2008. Von der ersten silbernen »Xeon-Käsereibe«, bis zum »Sektkühler« aus dem Jahr 2013, der bei mir aktuell noch im Einsatz ist. Zumindest bis die ersten interessanten ARM-Macs erscheinen. Schon 2013 war die Wahl hin zu einem Mac Pro eine sehr sehr wacklige. Im Nachhinein war diese vielleicht noch vertretbar, die aktuellen 6.499+ Euro sind es aber definitiv nicht mehr.

Haben will den Mac Pro natürlich trotzdem jeder Kreative, der auf macOS angewiesen ist. Oder einfach lieber damit arbeitet als Windows. Da bin auch ich keine Ausnahme. Einfach schon deswegen, weil es nichts anderes modulares und schnelleres bei Apple gibt. Und etwas besonderes ist der Mac Pro natürlich auch. Schnell, wirklich leise, ausgefallenes Design, keine Kabel im Innenraum, speziell angepasste Hardware wohin man sieht und eine wunderschöne Detailverliebtheit.

Trotzdem bleibt der Mac Pro preislich eine reine »Luxusmaschine«, von der man zwar weiter träumen darf, die Vernunft aber irgendwie sagt »Lass die Finger davon, selbst wenn du die Kohle hättest«. Und spätestens wenn Apple die Intel-Chips aus den eigenen Maschinen verbannt, wird auch der Mac Pro schlagartig wieder etwas älter sein. Und das wird gar nicht mal an der Leistung liegen …

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